Die große VFC-Designer-Analyse; von 2020 bis heute: Teil 2

Teil 2 der kleinen Wochenend-Serie über die Designer, hier die nächsten fünf! Heute geht es um Konstanten, Erfolge, gescheiterte Designer und einem neuen Designer aus Russland. Viel Spaß beim Lesen!


Gerard Chevallier (Newman 2020-202x)

Mit einem Wort lässt sich der 65-jährige Gerard Chevallier treffend beschreiben: Konstanz. Seit 2020 ist der Franzose beim deutschen Traditionsteam Newman Racing dabei und hat augenscheinlich immer geliefert. Dabei scheint seine Design-Philosophie immer in dieselbe Richtung zu gehen: Vor Beginn der Saison baut Chevallier immer ein vernünftig-schnelles Auto, sozusagen eine starke Grundlage. Aber hierbei endet seine Arbeit nicht; Chevallier ist ein Arbeitstier und verbessert den von ihm geschaffenen Wagen unaufhörlich, findet immer wieder neue Dinge, die die das Gesamtpaket noch besser werden lassen. Und so ist jedes Newman-Auto von Chevallier und damit die Saison nach einem roten Faden aufgebaut: zu Beginn etwas hinter der Spitzengruppe, aber immer noch stark genug. Dann entwickelt Chevallier das Auto kontinuierlich weiter und zur Mitte oder gegen Ende der Saison ist man das Non-Plus-Ultra.

So geschehen 2020 und 2021. In der VFC-Saison 2020 kam Jannis Wollborn immer mehr auf Fahrt und forderte Kevin Peters gegen Ende der Saison regelmäßig heraus. Doch der Abstand war zu groß und Peters sicherte sich die Krone. Chevallier griff das für 2021 auf. Zur letztjährigen Saison war das Auto zu Beginn ein bisschen stärker als davor und entwickelte sich prächtig. Während viele zu Beginn vom WM-Kampf Schubert-Schmidt sprachen, wurde es ab Jerez ersichtlich, dass Wollborn derjenige ist, denn es zu schlagen galt. Aber das Auto von Franzose Chevallier war schlichtweg zu gut geworden und wurde dazu immer besser. Am Ende war Wollborn 2021 dank des verbesserten Newmans Weltmeister.

Zur Preseason 2022 war nicht ganz klar, ob Chevallier bleiben würde. Es gab laut Insidern interne Konflikte und ein Tausch mit einem anderen Team stand im Raum. Das wurde abgelehnt und schlussendlich besannen sich Newman-Chefetage und Chevallier und erneuerten ihre Partnerschaft. Und damit muss man sich bewusst machen: Ab einem bestimmten Zeitpunkt 2022 wird Newman wieder vorne mitfahren. Denn dann trägt Chevalliers Arbeit wieder einmal Früchte.



Dr. Mark Müller-Mack (Volksmobil 2020, SCMM 2021)

Der werte Herr Doktor ist ein eigenartiger Fall in der VFC. Im Prinzip kein schlechter Designer, eigentlich recht solide und mit der ein oder anderen Überraschung gut. Gerade bei der Entwicklung des Autos über die Saison hinweg ist Dr. Müller-Mack ein Experte, manche behaupten, er ist sogar einen Ticken besser als Chevallier. Der Deutsche hatte das eigentlich auch 2020 mit Volksmobil bewiesen, als er ein grundsolides Auto baute und es sofort in die richtige Richtung weiterentwickelte. Hierdurch war für die Fahrer bei Volksmobil immer Podien- und Punkteplatzierungen relativ weit oben im Feld möglich. Am Ende mündete das ganze sogar in einen wohl längst überfälligen Sieg in Mexiko 2020, wo nur ein Motorausfall bei Marc Schlüter den Doppelsieg verhinderte.

Doch einige Stimmen mehrten sich, dass Müller-Mack nur Glück hatte, sich auch an neue Regeln nicht anpassen könne. Diese gab es auch im Volksmobil-Umfeld, weshalb der Doktor sich dazu entschied, 2021 bei SCMM anzuheuern; die kritischen Stimmen wollte er verstummen lassen. Irgendwas scheint dabei schiefgelaufen zu sein. Der SCMM entwickelte sich gefühlt nicht nach vorne, sondern zurück. Zu Beginn der Saison konnte man immer mal wieder um den ein oder anderen Punkt mitkämpfen aber je länger die Saison lief, desto schwächer wurde der erste SCMM. Updates verspäteten sich und erzielten nicht den erwünschten Effekt. Irgendwas schien bei der Designphase des Autos gehörig schiefgelaufen zu sein und Müller-Mack fand auch mit den Updates keine Lösung für die tiefer greifenden Probleme des Autos.

Und so kam es, wie es kommen musste: Teamchef Gino Gaggiano hatte nach der Saison genug und entließ den Deutschen. Vielleicht ist Dr. Müller-Mack kein gescheiterter Designer und kommt für 2023 zu einem Team zurück. Aber fürs Erste wird der Deutsche die VFC-Saison 2022 selbstreflektierend auf seinem Landhaus in Oberammergau verbringen müssen.



Wun-Chi-Lu (Scuderia Cesario 2021-202x)

Bei der Scuderia Cesario ist oftmals der Kerngedanke, dass am besten alles italienisch sein muss, Fahrer und Teamchef ausgenommen. Deshalb ist der chinesische Designer Wun Chi-Lu eine gewisse Ausnahme. Der 44-Jährige hat es trotz seiner Nationalität mit Expertise und Fleiß geschafft, die Cesario-Chefetage von sich zu überzeugen. Und dieses, für die Italiener eingegangene Risiko hat sich ausgezahlt: Cesario war nach der Seuchensaison 2020 in der letztjährigen Saison wieder da, wo das Team eigentlich hingehört: im Kampf um die WM-Krone. Beim Bau des Autos geht Wun Chi-Lu ein wenig den Weg wie sein Rivale Manuel Villa: Das Auto wird vor der Saison stark designt und dann gemächlich weiter entwickelt.

Aber Chi-Lu setzt sich im Gegensatz zu Villa weiter an neue Ideen, die ihre Zeit brauchen. Das hat 2021 dann auch gut funktioniert, zumindest zu Beginn der Saison. Das Auto war imstande, Lukas Schmidt zum ersten Sieg für die Scuderia seit langer Zeit zu helfen, mehrere Podien folgten. Dabei wurde der Wagen jedoch hauptsächlich von der mittlerweile berühmt-

berüchtigten 0er Bremse und ein wenig den Duurzaam-Reifen zurückgehalten, weshalb es bis Italien nur Podien gab. Ausgerechnet ab Italien brach Schmidts Podiumsserie, das Auto war im Vergleich zur Konkurrenz etwas abgefallen. Chi-Lu schien sich nochmal aufzuraffen und brachte für Japan ein letztes Update, vielleicht auch, um Lukas Schmidt ein versöhnliches Ende zu bescheren. Dem war dann schließlich auch so, als Schmidt den zweiten Sieg für sich und Cesario im letzten Rennen der Saison einfuhr. Auch Larry Fischer fuhr mit Platz 9 und 11 in Mexiko und Japan ein starkes Ergebnis ein, hatte er doch über die ganze Saison hinweg mit dem Auto Probleme gehabt. So bewies der Chinese auch, dass der Cesario kein schlechtes Auto war, aber von Reifen und Bremse zurückgehalten wurde.

Und es dürfte dieses letzte Rennen gewesen sein, was Teamchef Gonzalez Cattivo davon überzeugte, Wun Chi-Lu zu behalten. Man darf sich, nun da die Scuderia mit Yasuda-Reifen und Einheitsbremse ausgestattet ist, berechtigterweise und vielleicht auch mit etwas Befürchtung fragen: Wie dominierend wird der von Chi-Lu gebaute Cesario erst mit Jannis Wollborn hinterm Steuer sein?



Enzo Totti (r-Cademy 2021 / Buttler-Pal 202x)

Ein Arbeitstier. So lässt sich Enzo Totti in einem Satz zusammenfassen. Die Philosophie des Italieners ist schnell erklärt: Entwicklung, Entwicklung, Entwicklung. Damit hatte der 54-Jährige schon vor der VFC-Saison 2021 geworben und er lieferte dann auch, als Bastian Paisler ihn zu r-Cademy, seinem Nachwuchsteam, holte.

Und dort stand Totti zu seinem Wort, ein grundsolides Auto mit extrem starker Saisonentwicklung zu bauen. Schon im ersten Rennen konnte Alexander Kraft, sozusagen einer der Rohdiamanten in der VFC, gleich mit dem Wagen punkten, sogar das Hauptteam von Razor ließ er hinter sich. Und das war ja nur der Anfang. In der ersten Saisonhälfte war das gebaute Auto von Enzo Totti ein grundsolides, schnell genug für die hinteren Punkteränge. Doch die Arbeit Tottis hatte gerade erst begonnen. In jedem gefühlt zweitem bis drittem Rennen gab es ein Update für den r-Cademy-Wagen. Und diese funktionierten

großartig. In den Rennen der zweiten Saisonhälfte konnte man bemerken, wie Kraft immer weiter vorne im Feld zu finden war. So waren dann auch seltene Momente wie Kraft vs. Peters in den USA zu bestaunen. So reichte es am Ende für Platz 9 für den von Totti gebauten Wagen, ganz knapp musste man sich dem Razor-Team geschlagen geben. Doch diese Leistung und der solide-gebaute Wagen von Totti überzeugte den neuen Teamchef von Buttler-Pal, Totti für ein weiteres Jahr zu verpflichten.

Doch relativ schnell hörte man während der Preseason, wie sich die Stimmung beim neuen Rennstall kippte. Laut Berichten ist Kolvenbach mit dem Autobau seines Designers in der Preseason gar nicht zufrieden, man spricht von lauter Kritik am Italiener. War 2021 also das One-Season-Wunder des 54-jährigen Totti? Man darf 2022 gespannt sein.



Artjom Vassiliev (Volksmobil 2022)

Einige Rivalen im VFC-Lager waren über die Wahl des neuen Designers erstaunt. DER sollte Volksmobils neuer Chefdesigner werden? Dieser 56-jährige Russe? Artjom Vassiliev steht, wie für das ganze Land, aus welchem er kommt, eher für eine konservative Herangehensweise. Und so ist auch seine Design-Philosophie aufgebaut. Von allem möglichst etwas, aber auch nicht zu viel und dabei schön vorsichtig.

Das mag nach 2021 erstaunen, schließlich hatte man da mit Manuel Villa einen guten Designer, der für eine aggressive Anfangsphase in der Saison stand. Daher war die Wahl von Peter Andrews ein wenig überraschend. Aber ein Blick hinter die Kulissen lässt verstehen, warum man sich für Vassiliev entschieden hat und wie das Konzept dahinter ist. 2022 soll ein Aufbau bzw. Übergangsjahr werden. Die neuen, jungen und unerfahrenen Fahrer sollen sich erstmal finden, mit der VFC vertraut werden, um dann 2023 wieder zum Angriff auf die Fahrerkrone zu blasen. Doch bis dahin soll Vassiliev ein Auto bauen, welches den Fahrern eine ruhige und für sie erste, erfolgreiche Saison bescheren soll. Und bisher hört man nur positives Feedback aus der Volksmobil-Garage.



Autor: Jörn Georg Dicks