Rennbericht: Wollborn erklimmt die Ardennen



Als die VFC-Fahrer am Sonntagabend ihre letzten Trainingsrunden absolvierten dürfte ihnen geschwant haben, dass die schlimmsten Befürchtungen wahr werden könnten. Der Regen hatte Einzug in Spa-Francorchamps gehalten und mit ihm die Lotterie auf und neben der Strecke. Dass am Ende wieder einmal Jannis Wollborn (Newman Racing) zum Regenterminator werden könnte war zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht abzusehen.


Bereits in der Qualifikation war die Strecke nicht mehr trocken und in kurzer Zeit verschlechterten sich die Bedingungen zusehends. Das wurde zum Vorteil für die ersten Starter des Qualifyings. Sowohl Tim Brendel (FSR), als auch Rene Weller (MS4All) und Jannis Wollborn konnten zu Beginn noch Zeiten deutlich unter zwei Minuten setzen. Ein weiterer Profiteur war Yannik Barwig, welcher im Cesario auf den zweiten Platz fuhr und diesen so auch bis zum Ende der Session behalten konnte. Neben dem zweiten Platz von Larry Fischer aus Road America war dies das beste Resultat 2020 für Cesario. Dementsprechend sah man Gonzalez Cattivo an der Boxenmauer vor Freude die Arme in die Luft reißen. Bastian Paisler indes war der erste, welcher den Versuch auf den Regenreifen wagte und dabei scheiterte. In der Stavelot Kurve verlor er die Kontrolle und rauschte durchs Kiesbett. Die Runde beendete der WM-Anwärter trotzdem und startete am Ende nur von Rang neunzehn. Grund für den Ausrutscher, so stellte sich später heraus, war allerdings kein Fahrfehler, sondern ein technisches Problem. In der Folge entschieden sich die Piloten immer einheitlicher für die Regenreifen. Kevin Peters war auf diesen Gummis der schnellste und setzte sich so hinter seinen direkten Konkurrenten Denny Weller, welcher noch auf Slicks fuhr, auf den siebten Rang. Cooper McAllister bescherte eine der größten Überraschungen. Normalerweise auf Grund der Greenfield Reifen in der Qualifikation chancenlos sicherte er sich dieses Mal auf Slicks den fünften Startplatz.



Zum Rennstart waren die Bedingungen nicht besser. Die Strecke war immer noch feucht und so entschied sich der Großteil der Piloten für die Regenreifen während Jannik Maleika sowie die MS4All-Piloten auf den Slicks starteten. Das Risiko, das MS4All dabei einging, erwies sich im Nachhinein als zu groß. Am Start hatten beide Probleme ihren Wagen in Bewegung zu setzen. Aggressiv durchdrehende Hinterreifen waren die Folge, sodass Rene Weller bereits vor der ersten Kurve einen Ausflug in die Wiese machte, einige Fahrer zu wilden Ausweichmanövern zwang und letztendlich seinen Frontflügel an der Mauer verlor. Denny Weller hingegen kam mit Mühe in die erste Kurve, wurde dort aber letztlich auf der Außenbahn abgeräumt und drehte sich. In der Folge musste der WM-Anwärter also das Feld von hinten aufräumen. So zumindest der Schlachtplan. Dieser wurde jedoch bereits im Mittelsektor durchkreuzt. Rookie Dominik Cybok (Speedster) hatte sich gedreht und kam gerade wieder auf die Strecke zurück als beide MS4All erschienen. Denny Weller krachte in das Heck des Speedster Piloten und während dieser seinen Heckflügel verlor, büßte auch Denny Weller seinen Frontflügel ein. Bereits eine Kurve später flog der demolierte Cybok Speedster wieder ab und gab sein Rennen auf. Die Folge war das erste Safety Car des Rennens. Da beide MS4All zur Box mussten um ihre Wagenfront zu reparieren, konnte man hier wohl von Glück im Unglück sprechen. Die Wellers korrigierten bei der Gelegenheit auch ihren anfänglichen Fehler und wechselten wie auch Maleika (Cliffort) zurück auf die Regenreifen.



Weiter vorne hatte es beim Start auch einige Verschiebungen gegeben. Beide Newman Piloten starteten gut und obwohl Wollborn schon vor der Eau Rouge an Brendel vorbeigekommen war, verlor er selbigen direkt wieder gegen den überlegenen Hotaka Motor auf der Kemmel Straight. Teamkollege Aleksandar Knezevic fuhr direkt von Rang zehn bis auf den dritten Platz vor, ehe das Safety-Car einsetzte. Ein weiterer Gewinner des Starts war Bastian Paisler, welcher seinen Fehler in der Qualifikation direkt egalisierte und begünstigt durch das Chaos in La Source und guter Topspeed die Kemmel Straight hinauf auf Rang acht wiederzufinden war. Barwig im Cesario verlor zwar zwei Positionen, konnte sich aber vorerst auf Rang vier halten. Auch beim Restart verteidigte sich der Cesario gegen den langsam entstehenden „Train“ hinter sich. Doch nicht nur Barwig fand sich in der Verteidigungsrolle wieder. Tim Brendel versuchte an der Spitze seine Position gegen Jannis Wollborn zu halten. Dabei bekam er unerwartet Unterstützung von Knezevic. Dieser begann gegen den Teamkollegen zu fighten. Auch weiter hinten spielten sich Kämpfe ab. Kevin Peters, zu diesem Zeitpunkt im Mittelfeld unterwegs, räumte bei einem harten Manöver den Schweizer Luca Zorn ab, wofür er in der Folge eine Durchfahrtsstrafe erhielt, die ihn wieder etwas zurückwarf.


Indes konnte Wollborn sich vorne von seinem Teamkollegen lösen und attackierte am Ende der Kemmel Straigt den Führenden Brendel. Das Rad an Rad Manöver misslang und durch die Berührung mit Brendels linken Hinterreifen drehte sich Wollborn. Der aktuelle Weltmeister wurde so vorerst auf Rang neun zurückgeworfen. Auch seinen Teamkollegen traf es in dieser Phase. Durch Wheel Spin am Ausgang der Bus Stop Schikane drehte sich der Bosnier und fiel wieder hinter Wollborn zurück. Weiter vorne überholte indes Pohlenz (Clipper) den Cesario von Barwig und sicherte sich vorerst den zweiten Rang. Der „Fahrzeug Train“ hinter Barwig nahm immer mehr an Fahrt auf. Erst kollidierte Sven Schubert (VM) mit Paisler (OMD), da Schubert den Anbremspunkt zur Bus Stop Schikane falsch einschätzte, anschließend mit Wollborn. Die leichten Kollisionen blieben aber ohne direkte Folgen. Erst sieben Runden waren in diesem ereignisreichen Grand Prix bis hierhin absolviert. Schubert reihte sich anschließend auf Rang acht hinter den beiden Newman ein. Im Mittelfeld pflügten zur selben Zeit mit Denny Weller und Kevin Peters die beiden größten WM-Favoriten durch das Feld. Hintereinander nahmen sie vorläufig die Ränge zehn und elf ein. Der zurückgefallene Wollborn ackerte sich durch das Feld zurück bis auf den dritten Platz. Konkurrent Brendel lag zu diesem Zeitpunkt allerdings souverän mit elf Sekunden Vorsprung in Führung.



In Runde elf kam dann Yannik Barwig als erster zum planmäßigen Stopp, gerade als Paisler seinen OMD rechts neben ihm patziert hatte, was in einem kleinen, aber schadlosen Gerangel resultierte. Der Cesario Pilot setzte auf das Risiko der Trockenreifen. Cesario pokerte damit hoch, denn immernoch war eine starke Gischt, aber auch eine trockenere Ideallinie erkennbar. Da Barwig allerdings die Boxenausfahrt nicht sauber erwischte erhielt er für das überfahren der Linie eine Durchfahrtsstrafe. Später flog er dann ab und setzte den Wagen irreparabel in die Wand.


Doch nicht nur bei Barwig begann der Anfang vom Ende. Denny Weller, bereits in Ungarn von Lenkradproblemen geplagt, erlebte ein Déjà-vu und raste in der Stavelot Kurve in die Reifenstapel. Die Folge war der Verlust des Frontflügels mit dem anschließenden nächsten Boxenbesuch. Dieser blieb aber auch der letzte. Die Probleme am Lenkrad waren nicht zu lösen und so beendete Denny Weller sein verkorkstes Rennen in der Box ehe Barwig in die Wand flog und das nächste Safety-Car auslöste. Es war damit das zweite Mal in Folge, dass Weller ein Rennen aufgrund von Lenkradproblemen aufgeben musste. Sein dritter technischer Ausfall in der laufenden Saison. Ein Faktor der eine Meisterschaft kosten kann.

Diese erneute Unterbrechung nutzte der Großteil des Feldes um auf Trockenreifen umzurüsten. Die Strecke war nach diesen Anfangsrunden etwas trockener und so gingen viele Fahrer das Risiko ein. Im Nachhinein wurde auch klar, dass fast alle mit überhitzten Regenreifen zu kämpfen hatten.


Mit erneuter Rennfreigabe rächte sich diese Entscheidung. Pohlenz verlor den Clipper auf Platz zwei liegend in der Eau Rouge ohne jedoch anzuschlagen oder andere Fahrzeuge in Mitleidenschaft zu ziehen. Wollborn verlor seinen Newman nur ein paar Kurven später gleich doppelt, aber ebenfalls ohne Schaden. Wenig später auf der Start/Ziel Geraden spielten sich turbulente Szenen ab. Peters rutschte aus der Bus-Stop Schikane zurück auf die Strecke und die Ideallinie. Maleika kollidierte leicht und bekam auf den Slicks ebenfalls Traktionsprobleme. Auch Rene Weller verlor auf den gleich Gummis im Hintergrund das Auto beim geradeaus fahren und krachte in den ebenfalls rutschenden Peters hinein. Glücklicherweise ohne größere Folgen. Die schrecklichen Bedingungen für die Trockenreifen wurden sehr offensichtlich.


Zu diesem Zeitpunkt führte Tim Brendel, welcher weiterhin auf die Trockenreifen setzte, das Feld vor Luca Zorn und Aleksandar Knezevic an. Die Top-3 konnten sich auch in der Folge vom Rest des Feldes absetzen, ehe Knezevic Luca Zorn attackierte und sich für den Moment Rang zwei sicherte. Sein Teamkollege stand vor einer noch größeren Herausforderung. Doch dieser schien der Weltmeister gewachsen, denn innerhalb von zwei Runden kämpfte er sich von Platz fünfzehn bis auf Rang fünf nach vorne. ete sich aber aufwendiger als gedacht. Vor Schlüter verpasste Patrick Newman die Boxeneinfahrt und rauschte in die linke Boxenmauer. Schlüter, welcher noch versuchte die Gasse rechts zu nutzen, berührte Newman und drehte sich in die Boxeneinfahrt hinein, welche er geschlagene 40 Sekunden komplett blockierte. Die Rennleitung forderte Schlüter daraufhin zum Abstellen auf und schloss die Boxengasse für die anderen Piloten. Da der VM Fahrer sich der Anweisung jedoch widersetzte, sich fast zeitgleich befreite und in die Box zur Reparatur fuhr, wurde er postwendend von der Rennleitung disqualifiziert. Eine weitere Dramageschichte rund um Schlüters 2020er Saison. Das Chaos auf der Strecke mündete so schnell im nächsten Safety-Car und gab den Piloten die Chance ihre Entscheidung für die Slicks zu revidieren. Dem kam ein Großteil gerne nach, während andere wie Pascal Pohlenz oder Fabian Jungbluth versuchten auf den Slicks durchzufahren.



Zu diesem Zeitpunkt führte Tim Brendel, welcher weiterhin auf die Trockenreifen setzte, das Feld vor Luca Zorn und Aleksander Knezevic an. Die Top-3 konnten sich auch in der Folge vom Rest des Feldes absetzen, ehe Knezevic Luca Zorn attackierte und sich für den Moment Rang zwei sicherte. Sein Teamkollege stand vor einer noch größeren Herausforderung. Doch dieser schien der Weltmeister gewachsen, denn innerhalb von zwei Runden kämpfte er sich von Platz fünfzehn bis auf Rang fünf nach vorne.


Der WM-Anwärter Peters schaffte es indes nicht zu glänzen. Trotz Regenreifen nahm Peters in der Malmedy Kurve den Curb zu stark mit und verlor die Kontrolle über den Wagen. Der anschließende Einschlag kostete sowohl Front- als auch Heckflügel. Aber als ob das nicht schon schlimm genug für das FSR Team gewesen wäre löste die Szene eine interne Kontroverse aus. Da während der Rückkehr zur Box auch Rene Weller den Wagen verlor und aufgrund eines Totalschadens abstellen musste, wurde wieder das Safety-Car ausgerufen. Tim Brendel der noch einmal kommen musste und von seinen Slicks auf Regenreifen wechseln wollte, musste allerdings eine Runde länger draußen bleiben. Der demolierte Peters stand nämlich noch zur Reparatur an der Box. Die Aufforderung den Wagen abzustellen, damit Brendel den Sieg nach Hause bringen konnte, kam der WM-Anwärter allerdings nicht nach. Die Folge war der Rückfall auf Rang sechszehn. Damit öffnete man bei FSR die Tore für Jannis Wollborn und das Newman Team, welche fortan die Führung übernahmen. Eine Situation die auch in Zukunft noch für schlechtes Klima bei FSR sorgen könnte.


Beim Restart eliminierte der Wettergott nun endgültig die restlichen Trockenfahrer. Sowohl Fabian Jungbluth, als auch Jannik Maleika verloren ihre Fahrzeuge mit Flügelschaden vor der Eau Rouge und gaben so gute Punkteplätze her. Auch Marvin Schumacher, zu diesem Zeitpunkt auf einem überragenden fünften Platz verlor das Auto beim herausbeschleunigen aus der La Source.


In der Folge übernahmen die Newman Piloten die Doppelführung begannen sich abzusetzen. Weiter hinten eskalierte die Situation abermals, als Pascal Pohlenz in der Highspeed Passage Blanchimont den Wagen durch eine Kollision mit Greulich verlor und anschließend abstellte. Wieder einmal ein Ausfall für den Clipper Piloten. Gleiches passierte eine Runde später im Zweikampf zwischen Larry Fischer und Tim Brendel. Beide verloren den Wagen ohne allerdings den Verlust eines Flügels in Kauf nehmen zu müssen. Das Chaosrennen wurde abgeschlossen durch den Unfall von Fabian Jungbluth, welcher die fünfte SC-Phase des Rennens auslöste. Da zu diesem Zeitpunkt nur noch drei Runden zu fahren waren beendete man den Grand Prix, nach Anweisung der Rennleitung, unter Safety-Car.



Am Ende setzte sich so Jannis Wollborn als abermaliger Sieger von Spa durch. Wieder einmal bewies der Weltmeister sein Können unter nassen Bedingungen. Gleiches galt für Aleksandar Knezevic der den Doppelsieg perfekt machte. Eine der großen Überraschungen war Luca Zorn. Der Schweizer rundete das Podium mit einem starken dritten Rang ab und zeigte dabei, dass sich ein ganzes Rennen auf Regenreifen auszahlen kann. Gino Gaggiano (OMD) schloss als bester Rookie das Rennen ab und holte mit dem achten Platz sogar einige Punkte. Über selbige dürften sich auch Patrick Newman (Speedster) und Travis Carter (Clipper) gefreut haben. Newman landete auf Rang zehn während Carter auf Rang elf über die Linie fuhr. Für beide waren es die ersten Punkte des Jahres, was für Jubelstürme im Speedster und Clipper Lager sorgte.


Spa sorgte damit wieder einmal für allerlei Chaos und viele Überraschungen. So und nicht anders kennen wir die Ardennen.

Du hast das Chaosrennen verpasst? Den Link zum Stream findest du hier:


Autor: Julian Kopp