VFC-2021: Saisonfinale in Suzuka: (K)ein schlechtes FIFA-Skript


Es hätte so langweilig sein können. Jannis Wollborn fährt in Mexiko im Schlafwagen auf irgendeine bessere Position als der Achten und wird verdientermaßen zum zweiten Mal Weltmeister. Kitschiger Weise in seinem letzten Rennen für Newman Racing, dem Team für das er nun seit vier Jahren fährt, was im Simracing und der GSO eine Ewigkeit ist. Sven Schubert wird von allen Seiten für seinen beherzten Kampf gelobt, der leider wegen des schwächer werdenden VM am Ende unbelohnt blieb. Alle freuen sich auf das nächste Jahr und sagen, dass es bestimmt noch spannender wird. Im letzten Rennen wäre dann Zeit für die vielen weiteren (Team-) Abschiede von Fahrern gewesen und der Fokus wäre wahrscheinlich auf Beta Giulia, Razor und die R-Cademy gelenkt worden. Es wäre ein Rennen gewesen, dass davon lebt das letzte der Saison zu sein und von drei der „kleinen“ Teams, die sich um ein paar Millionen für 2022 streiten.

Der Simracing-Gott hatte etwas anderes vor. Rückblick: Jannis Wollborn wird beim vergangenen Mexiko Grand Prix nach ein paar Metern, ausgerechnet von Kumpel Pascal Pohlenz in enger Zusammenarbeit mit der eigenwilligen mexikanischen Mauer ins Nirvana befördert. Dabei reißt er wie durch ein Wunder kaum jemanden aus dem Rennen, sodass es keinen Restart geben kann und muss. Sein Rennen ist beendet. Wüsste man es nicht besser, man könnte an ein schlechtes Skript im Online Modus von der Fußballspielreihe FIFA glauben, bei dem gerade der klar unterlegene Spieler beim Stand von 0:4 in der 60. Minute ein Tor von der Mittellinie erzielt hat. Die Chancen für Sven Schubert stiegen in diesem Moment von „quasi unmöglich“ auf „nahezu unmöglich.“ Durch seinen Dritten Platz bleibt eine Mini Chance.


Nun ist die WM also tatsächlich noch einmal vertagt worden. Der Japan Grand Prix, der eigentlich gar nicht als Finale geplant war, wird die Entscheidung bringen. Die erste Kurve in Suzuka ist nicht ohne, gerade wenn man zu aggressiv oder zu vorsichtig ist. Kaum auszudenken zu welcher Nervenpartie der Grand Prix werden könnte, wenn ein früher Zwischenfall Wollborn bspw. den Heckflügel kostet. Vor dem geistigen Auge sieht man es schon vor sich: Sven Schubert liegt drei Runden vor Schluss auf Platz Drei, vor ihm Yannik Barwig im Newman. Dieser hat einen Stopp weniger absolviert und deshalb mit abbauenden Reifen zu kämpfen. Wollborn liegt außerhalb der Punkte, der Reparaturstopp hatte zu lange gedauert. Noch eine Runde und Schubert ist dran an Barwig…


Selbst wenn der Wunsch nach einem spannenden Finale verständlich und die Vorstellungskraft unendlich scheint. Es ist kein FIFA-Skript und auch kein Mario Kart, bei dem der (WM-) Führende automatisch langsamer wird. Ganz im Gegenteil. Schubert braucht ein Wunder epochalen Ausmaßes. Schon bei Punktegleichstand, wäre die Mission Titel eine große Herausforderung gewesen, denn der Newman scheint nun gegen Saisonende deutlich mehr als konkurrenzfähig zu sein. Eigentlich sollte es eine klare Sache werden. Aber: Wer hätte geglaubt, dass der hochtalentierte Kimi Räikkönen 2007 seinen einzigen Titel nur holt, weil Lewis Hamilton einen falschen Knopf drückt? Wer hätte gedacht, dass man mit einem einzigen (und auch noch am Grünen Tisch errungenen) Sieg Weltmeister werden kann wie Alexander Quicktröm im Jahr 2016?


Immer ist alles möglich, bis es vorbei ist. Holt Wollborn aber mindestens fünf Punkte kann Schubert alle anderen Fahrer auch vier Mal überrunden und wird trotzdem nicht Weltmeister, weil es dann auf die Anzahl der Siege ankäme. Wenn nicht etwas ganz komisches passiert, sollte Wollborn diese fünf Punkte auch holen, selbst wenn er eine ganz verrückte Strategie ausprobiert, oder wenn er sich in der ersten Runde drehen und danach Letzter sein sollte. Wollborn muss einfach nur seinen Stiefel runterfahren. Selbst wenn Wollborn ausscheidet, muss Schubert Zweiter werden. Dafür muss wiederum alles passen, aber wer weiß: Manch einer soll Katzen schon fliegen gesehen haben.



Autor: Michael Kosbau