VFC 2022 - Australien GP - Kurzanalyse Teil 3

Scuderia Cesario

Für Weltmeister Jannis Wollborn war der Start in die Saison mit dem neuen Arbeitgeber Cesario ein versöhnlicher Einstand. In einem tollen Fight gegen Pascal Pohlenz ging der Clipper-Pilot zwar als Sieger hervor, auf Grund der zusätzlichen Strafe für Wollborn sollte das Resultat aber Mut geben, dass man der eigenen Favoritenrolle gerecht werden kann. Auch für Jan Winter lief es lange gut, ehe eine Unaufmerksamkeit das eigene Rennen und das von Alexander Rütt im zweiten Clipper beendete.

Ermunternde Aussichten, jedoch noch ohne den großen Ertrag. Stattdessen wurde es nach dem Rennen abseits der Strecke wieder stürmisch bei den Italienern. Der plötzliche Abgang von Teamchef Gonzalez Cattivo und Jan Winter brachte das Teamgefüge ordentlich durcheinander. Heute jedoch sind die Linien wieder gezogen. Jannis Wollborn mutierte vom Arbeitnehmer zum Arbeitgeber. Wird das Team erst einmal managen. Mit Daniel Bentenrieder vom scheidenden Beta Guilia Team hat man sich zudem einen alten Bekannten ins Team geholt. Zuletzt fuhr Bentenrieder 2019 für die Roten. Mit der neuen Konstellation reist man nun nach Bathurst. Einer Strecke auf der es vor allem ums überleben gehen wird. Das Gesamtpaket der Scuderia scheint dabei aber wieder zu passen. Jannis Wollborn musste sich in den Hotlaps innerhalb der Trainings bisher nur Marc Schlüter geschlagen geben. Teamkollege Bentenrieder steht zwar noch recht weit hinten im Tableau, dürfte aber noch keine Leertank Zeit gesetzt haben. Umso gespannter darf man sein wo er sich letztlich einsortieren wird. Zeit für große Eingewöhnung zumindest bleibt nicht.

Falcon-Russia GP

Russia Teamchef Wladislav Russinov zeigte sich nach dem Saisonauftakt 2022 durchaus zufrieden mit seinem Team. Beide Piloten positionierten sich in den Punkten. Zwar gelang mit Marc Schlüter noch nicht der ganz große Sprung nach vorne, denn auf dem Podium fanden sich erst einmal andere wieder, dennoch zeigte sich der Haifisch der Russen bissig auf dem Kurs. Gerade der zweite Fahrer Fabian Walter trotzte seiner durchwachsenen Vorbereitung und sicherte sich einen respektablen siebten Platz. Ein guter, aber noch nicht perfekter Start. Die langfristigen Ambitionen für die Saison dürften deutlich höher liegen.

Die nächste Challenge kommt dabei sofort. In Bathurst wird auch von Schlüter und Walter alles abverlangt werden. Ein Fehler kann dabei bereits gnadenlose Konsequenzen haben und so wird es vor allem auf die Konstanz der beiden ankommen. Die Pace zumindest stimmt schon einmal, denn nach jetzigem Stand führt Schlüter die Hotlapliste für den Australien Grand Prix knapp vor Jannis Wollborn an. Damit ist er aktuell auch der einzige, dem es gelang in de Trainings eine 1.28er Zeit zu fahren. Gerade in Bathurst könnte eine gute Ausgangssituation im Quali Gold wert sein. In den ersten Runden vorne wegfahren zu können, ohne Dirty Air, ohne Blockadengefahr könnte am Ende wichtig werden. Das dürfte für Fabian Walter schon eher Thema werden. Dieser steht aktuell auf Platz 11 der Hotlapliste, könnte aus dem Mittelfeld ins Rennen gehen. Ein Feldbereich, von welchem wohl am heutigen Abend die größte Gefahr ausgehen dürfte.


Clipper Motorsport

Es ist eine kleine Überraschung, dass Pascal Pohlenz nach dem ersten Rennen den WM-Stand der VFC 2022 anführt. Über die Fähigkeiten des Clipper Teamchefs braucht man dabei natürlich nicht zu diskutieren, Pohlenz gehört mit Wollborn zu den besten Fahrern im Feld, wodurch zu erwarten war, dass er vorne mitfahren würde. Dass er aber gleich vorne um die Pole und den Rennsieg fightet, damit hat wohl auch Pohlenz nicht gerechnet. Schließlich hatte der Hesse schon angekündigt, dass er mit dem Auto eigentlich kaum vorne mitfahren wird können. Und dann plötzlich sowas.

Wenn man sich dann die Zeiten des Teamkollegen ansieht, dürfte man meinen und davon ausgehen, dass Pohlenz den Wagen in Südafrika komplett outperformt hat. Denn Alexander Rütt fuhr in der Qualifikation nur auf P22, konnte im Rennen dafür aber ganz gut mithalten, bis es zur Kollision mit Jan Winter kam. Man sollte hierbei aber Rütts Performance im ersten Rennen nicht überbewerten, inwiefern der Eifeler durch seine gesundheitlichen Probleme eingeschränkt war, ist nur zu spekulieren.


In Australien ist Rütt daher nicht im Auto, für ihn übernimmt der sehr junge Deutsche Rouven Meschede, der damit seinen zweiten VFC-Einsatz nach Italien 2021 bekommt. Damals noch in einem schwächeren Auto war für diesen noch kein Blumentopf zu gewinnen, in Bathurst dürfte das gänzlich anders werden. Meschede ist in Topform, ist auf Platz 5 der Zeitenliste der aktiven Fahrer und ist damit sogar vor seinem temporären Teamchef Pohlenz zu finden, der laut eigenen Aussagen mit der Strecke nicht richtig klar kommt. Meschede ist somit der Kandidat für eine gute Position im Qualifying, aber ein möglicherweise gutes Ergebnis im Rennen umzusetzen wird gerade auf Bathurst schwierig. Es wird zu einer Materialschlacht kommen und dabei ist es wichtig, einfach zu überleben. Daher ist eine gute Position auch für Pohlenz möglich; gerade im Rennen wächst der Hesse gerne mal über sich hinaus.


Cliffort Royal Racing

Die wohl beste Fahrerpaarung im Feld haben mit dem Abgang von Jan Winter bei Cesario nun die Briten von Cliffort Royal Racing. Schon in Südafrika zeigte sich die gute Zusammenarbeit von Yannik Barwig und Cooper McAllister, die beinah in einem ersten Podium der Saison gemündet hätte, wäre da nicht Sven "Checo" Schubert und die eigentümliche Physik von rFactor 2 gewesen. So reichte es am Ende "nur" für Platz 4 und 6 im Endergebnis, was gerade McAllister geärgert haben dürfte, schließlich war der Australier von P2 gestartet. Nichtsdestotrotz steht man in der Team-WM auf Platz 1 und die Saison ist noch lange, um dann auch in der Fahrer-WM einzugreifen.


Der australische Grand Prix winkt wieder mit einem starken Teamergebnis, zumindest wenn man von den Zeiten ausgeht. McAllister und Barwig nehmen Platz 3 und 4 ein, wobei gerade der Australier nah genug an der Spitze dran ist, um für ein Podium oder einen Sieg zu sorgen. Doch auch Barwig ist ein Kandidat fürs Podium. Gerade aber der Weltmeister von 2012 ist ein Kandidat für den Heimsieg, schließlich ist McAllister für seinen ruhigen aber extrem schnellen Fahrstil bekannt, der ihm auf Bathurst und vor allem gegenüber der Konkurrenz rund um Wollborn und Schlüter zugute kommen wird; schließlich haben beide einen eher aggressiveren Fahrstil, der auf Bathurst nicht immer vorteilhaft ist. Und so könnte Barwig auch hiervon profitieren; der Heidelberger wird ein immer kompletterer Fahrer, schnell und mit stabiler Fahrweise. Dadurch ist ein gutes Teamergebnis und unter bestimmten Umständen vielleicht sogar ein Doppelsieg drin, sollten die beiden die "Schlacht von Bathurst" überleben.



Autoren: Julian Kopp und Jörn Georg Dicks