VFC-Interview mit Gonzalez Cattivo - Selbstkritik und Titelambitionen


Ein Teamchef müsse Entscheidungen durchsetzen und dann auch dazu stehen. Schmidts diesjährige Leistung sei „großartig“, Wollborn ein „feiner Kerl.“


Es ist mild an diesem Abend, den ich auf Einladung von Gonzalez Cattivo am Stadtrand von Mexiko City verbringe. Gerade hat sein Team mit Larry Fischer und Ersatzfahrer Heiko Kolvenbach die Plätze 9 und 10 eingefahren. „Ich reg mich nicht mehr auf“, winkt der Teamchef ab, als ich ihn auf das Startchaos anspreche, welches Kolvenbach eine wesentlich bessere Platzierung gekostet hatte. Man merkt, dass der Weltmeister von 2013 das Jahr 2021 abgehakt hat und das nicht erst seit heute. An diesem Abend erlebe ich einen gefassten, gelassenen und nachdenklichen Mexikaner, der mir nach dem offiziellen Teil sagt, dass er sich sehr auf 2022 und das diesjährige Indy500 freue.


R: Herr Cattivo, das VFC-Jahr 2021 neigt sich dem Ende zu und die Division 2 Saison ist bereits abgeschlossen, Le Mans ebenfalls absolviert. Insgesamt liest sich die VFC-Statistik gut, gab es für die Scuderia Cesario im Vergleich zu 2020 doch einen deutlichen Aufwärtstrend. Trotzdem hatte man mehr erwartet, oder?


C: Als ich das Team im letzten Jahr übernommen habe, standen wir vor einem Scherbenhaufen. Für 2021 durfte kein Stein auf dem anderen bleiben und deshalb habe ich große Veränderungen eingeleitet. Wir haben Personal, Abläufe und die Ausrichtung des Wagens geändert. Trotzdem konnte 2021 immer nur ein Zwischenschritt auf dem Weg an die Spitze sein. Durch die Verpflichtung von Lukas Schmidt war die Erwartungshaltung natürlich enorm. An den Ergebnissen des zweiten Wagens sieht man aber, dass wir nie ein Fahrzeug hatten, was ernsthaft um den Titel kämpfen konnte. Lukas Leistung war großartig, er war oft am absoluten Limit, dabei passieren natürlich auch Fehler.

R: Haben Sie auch Fehler gemacht?

C: Natürlich. Sie werden mir nachsehen, dass ich über Details aber nicht öffentlich reden möchte, weil es sich um Internas handelt. Klar ist in der Analyse aber geworden, dass der Teamchef sicherstellen muss zu 100% von allen Entscheidungen überzeugt zu sein und hinter diesen dann auch zu stehen. Diese Erkenntnis und einige weitere sind in die Planungen für 2022 eingeflossen. Außerdem werde ich in Bälde den Vorsitz der Torino Car Group abgeben um mich voll auf Cesario konzentrieren zu können, denn dafür bin ich eigentlich verpflichtet worden. Trotzdem war es mir eine Ehre auch den Konzern übergangsweise zu führen.


R: Durch die Übernahme des TCG-Vorsitzes waren Sie auch vollumfänglich für das Nachwuchsprogramm und für alle weitere Aktivitäten der TCG zuständig, unter anderem auch das Le Mans Event. Wie fällt ihr Fazit hier aus und was erhoffen sie sich für das Indy500?


C: Das Fazit fällt gemischt aus. Fangen wir aber mit etwas Positiven an und da fällt direkt auf wie gut Beta Giulia dieses Jahr in der VFC abgeschnitten hat, obwohl man finanziell den allermeisten Teams unterlegen war. Mit der Aussicht, dass sich dies nun verbessert, sehe ich da großes Potential. Johannes Greulich, der auch mein Nachfolger bei TCG wird, hat dort eine fantastische Arbeit geleistet. Auch die Entwicklung von Daniel Bentenrieder ist sehr positiv hervorzuheben. Ein kleiner Wehrmutstropfen ist der nicht gewonnen D2-Titel von Jan Winter, aber auch hier haben wir mit unserem Partnerteam KosTec eine gute Figur gemacht und sind auch für nächstes Jahr gut aufgestellt. In Le Mans hat Jan gezeigt, dass er auch über längere Distanzen einen guten Job machen kann. Ärgerlich waren die technischen Probleme und die Start-Kollision bei unserem Cesario-Entry. Insgesamt war Le Mans nicht optimal für uns, hat aber super viel Spaß gemacht. Für mich persönlich war es toll nach langer Zeit mal wieder dieses bestimmte Gefühl im Bauch zu haben und selbst im Auto zu sitzen. Außerdem war es schön Kevin Borell mal wieder in der GSO zu sehen. Mit den Ergebnissen der IGP Winterserie Anfang des Jahres können wir zufrieden sein. Für das Indy500 haben wir ein gutes line-up in Vorbereitung und wollen natürlich gewinnen, aber vor allem Spaß haben.

R: Blicken wir auf das Jahr 2022. Hier wird es sicher einige Veränderungen geben, denn zum ersten Mal seit einigen Jahren wird sich das technische Reglement drastisch ändern. Sehen Sie darin eher eine Chance oder eine Gefahr?


C: Sicherlich besteht bei großer Veränderung immer die Gefahr etwas falsch zu machen. Umgekehrt birgt diese Gemengelage natürlich auch eine riesige Chance. Momentan gehe ich davon aus, dass die Rahmenbedingungen uns für 2022 eher entgegenkommen. Ich interpretiere den Kurs der neuen VFC Leitung so, dass sie probieren wird das Feld enger zusammen zu bringen. Sollte das der Fall sein, wird es mehr auf Strategie und Fahrer ankommen und das sollte uns dann gut in den Kram passen. Trotzdem wird es natürlich die üblichen Fragen nach der Radikalität des Fahrzeugkonzepts geben. Damit befassen wir uns dann aber final, wenn wir Klarheit haben.


R: Gerade ist das Stichwort „Fahrer“ gefallen. Hier werden beide Cockpits neu besetzt und zwar mit keinem geringeren als Weltmeister Jannis Wollborn und dem TDD Schützling Jan Winter. Wie kam es zu dieser Entscheidung?


C: Ich hatte Lukas von Anfang an so verstanden, dass 2021 ein Abschluss für ihn sein wird. Deshalb haben wir frühzeitig die Planungen für 2022 begonnen und schon Anfang des Jahres erstmals mit Jannis über das nächste Jahr geredet. Wir haben uns dann verabredet mit konkreten Gesprächen noch zu warten. Zwischenzeitlich machte Jan Winter in der Division 2 einen sehr starken Eindruck. Wir hatten relativ früh das Gefühl, dass er in jedem Fall 2022 VFC fahren sollte. Als klar war, dass er bei Beta Giulia fahren würde, falls wir eine vereinbarte Option nicht ziehen, war ich sehr beruhigt, denn einen Jan Winter nicht in der VFC zu sehen, oder außerhalb der TCG hätte ich sehr schade gefunden. Wir haben auch mit Kevin Peters lange verhandelt, allerdings passte es am Ende nicht, obwohl ich Ihn sehr schätze. Schließlich fiel die Entscheidung gegen die Option auf zwei etablierten Spitzenfahrer zu setzen und somit war die Option Wollborn/Schmidt, die im Sommer plötzlich doch wieder möglich schien, vom Tisch. Ebenso auch eine weitere Option die im Raum stand. Letztlich entschlossen wir uns, dass es der beste Weg ist Jan an die Seite von Jannis zu stellen. Das wiederum löste dann Überlegungen bei Beta Giulia aus, welche zu einer guten Lösung kamen, wie ich finde. Mit Jannis hatte ich bereits im Sommer eine lose mündliche Vereinbarung, was zeigt wie sehr da ein Grundvertrauen vorhanden ist. Jannis hat uns auf dem ganzen Weg der Verhandlungen auch immer wieder gesagt, dass er das Newman Team nicht überrumpeln will mit seiner Entscheidung und hat dort zunächst alles geklärt. Daran sieht man was für ein feiner Kerl er ist.

R: Blicken wir auf die nächste Saison. Gibt es eine klare „Hackordnung“ bei Cesario, also muss Winter sich hintenanstellen, oder wird es einen offenen Kampf um die Vorherrschaft bei Cesario geben? Was sind ihre Ziele und wie sieht es hinter den Kulissen aus?


C: Das Ziel müssen beide Titel sein. Das wird sicher nicht einfach, denn die Konkurrenz und das Fahrerfeld im Allgemeinen wird immer stärker. Trotzdem müssen die Ziele so hochgesteckt werden, das sind wir beiden Fahrern und unserer Marke schuldig. Wir wollen ein gutes Auto hinstellen und werden alles dafür tun, dass sich beide Fahrer wohl fühlen. Wenn uns das gelingt, sehe ich nicht welches andere Team fahrerisch besser aufgestellt sein soll. Jan wird an der Seite von Jannis viel lernen und ist ein absoluter Teamplayer, ich gehe nicht davon aus, dass es Probleme geben wird. Wer am Ende schneller ist, soll auch vorne sein, allerdings gibt es natürlich auch Situationen in denen es klüger ist teamdienlich zu fahren. Beide wissen das und haben das auch in ihren Verträgen stehen. Die Stimmung bei TCG und auch bei Cesario ist aktuell sehr gut und wir haben daran gearbeitet das Team hinter den Fahrern breit aufzustellen. Hier wird auch Max Hayman teamintern eine wichtige Rolle spielen. Ich habe das Gefühl, dass da eine Gruppe von Leuten beisammen ist mit der man gut und harmonisch arbeiten kann.


R: Sie sind nun schon sehr lange dabei, mal als Fahrer, mal als Teamchef und als Zuschauer. Wie sehen Sie der nächsten VFC Saison insgesamt entgegen?


C: Insgesamt kann die VFC für die Zuschauer nächstes Jahr ein riesen Specktakel werden. Wenn die Rennklasse ihre PS auf den Boden bringt und das vorhanden Potential ausschöpft, sei es bei der Organisation oder der hoffentlich weiterhin guten Arbeit im Bereich Media. Nie war das Fahrerfeld durchgängig auf so hohem Niveau und auch einige Teams, manche mehr, manche weniger, haben über die Jahre viel dazugelernt. Wenn man sich anschaut was Dominic Röhken aus Cliffort gemacht hat oder Wladislav Russinov aus Russia ist das schon beeindruckend. Wir werden natürlich alles tun um zu einer tollen Saison beizutragen - allerdings anders als dieses Jahr - nur auf der Strecke.


R: Lassen sie mich abschließend noch eine Frage stellen: Wer sind aus ihrer Sicht nächstes Jahr rein fahrerisch die drei besten Fahrer?


C: Auch ich bin lernfähig. Diese Frage werde ich natürlich nicht beantworten. Unsere beiden Fahrer sind aber sehr weit oben auf der Liste…


R: Ein Versuch war es Wert. Danke für das Interview.


C: Danke für den Besuch.


Autor: Michael Kosbau