VFC-Winterinterview: Gonzalez Cattivo über Titelambitionen und verpasste Chancen


Bereits nach dem Abschluss der vergangenen Saison besuchten wir den Teamchef der Scuderia Cesario um über seine aktuelle Gefühlslage und die abgelaufene Saison zu sprechen. Nach einigen Wochen Pause haben wir ihn wiedergetroffen und sprachen mit ihm über die Lehren der Vergangenheit, die Ziele der Italiener sowie seiner Einschätzung zur Konkurrenz. Das Interview fand im Rahmen weiterer Testfahrten statt, bei welchen auch die ersten Bilder des neuen roten Flitzers von der Scuderia veröffentlicht wurden. Die entsprechenden Shots von Instagram findet ihr im Artikel!


Hallo Herr Cattivo, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Ihr letztes Gespräch mit unserem Redakteur Michael Kosbau liegt nun ein paar Wochen zurück. Mittlerweile ist die Winterpause fast rum und wir befinden uns kurz vor dem Test für die neue Saison! Wie geht es ihnen heute?


Die letzte Saison war in vielerlei Hinsicht eine Achterbahnfahrt. Wir haben als Team daraus gelernt und sind daran gewachsen. Insofern kann ich zuversichtlich und fokussiert in die Saison gehen. Alle Baustellen im Team sind geschlossen und ich freue mich auf eine starke Cesario Saison. Ich will aber nicht verhehlen, dass die Pause sehr gut getan hat.


Sie sagten gerade als Team dazugelernt…2021 konnte man als neutraler Beobachter das Gefühl bekommen das Team bestehe nur aus Lukas Schmidt. Teamintern gab es immer wieder Unruhe um die zweite Fahrerposition. Kehrt mit Jannis Wollborn und Jan Winter auch eine bessere Teamchemie ein?


Davon ist auszugehen. Jannis und Jan wissen genau, dass sie wichtig sind, aber das niemand wichtiger als Cesario ist. Zu der Unruhe von letzten Jahr will ich mich jetzt nicht mehr einlassen. Ich hielte das für einen schlechten Stil. Wir sind Lukas Schmidt jedenfalls sehr dankbar und sind nach seinem Sieg in Japan mehr als im guten auseinander gegangen. Wir schreiben regelmäßig und tauschen uns aus.

Von der Unruhe abseits der Strecke mal abgesehen, die Resultate der vergangenen Saison waren eine deutliche Steigerung zum Vorjahr. Die eigentlichen eigenen Erwartungen wurden aber wie im Vorjahr nicht erfüllt. Geht man bei der Scuderia dieses Jajhr trotzdem mit Titelambitionen in die Saison?


Selbstverständlich. Und sind wir ehrlich: Wenn man 17 Punkte in der Fahrerweltmeisterschaft bei zwei nicht gefahrenen Rennen hinter dem Weltmeister liegt, kann man auch nicht davon sprechen, dass die Ambitionen zu hoch waren. Bei der Konstrukteursweltmeisterschaft waren wir aus offensichtlichen Gründen chancenlos. Beide Titel müssen dieses Jahr unser Ziel sein. Das sehen wir auch alle so, sowohl im Konzern als auch bei uns im Team.


Haben diese zwei Rennen Abwesenheit den Unterschied in der Fahrer-WM gemacht?


Vielleicht. Grundsätzlich hat aber auch Jannis unverschuldet Punkte verloren, sodass es Spekulation wäre dies zu behaupten. Insofern ist alles schon in Ordnung wie es war, zudem Jannis dadurch nicht nur die 1 mit zu Cesario bringt, sondern auch einen schönen Abschluss bei seiner Newman Ära hatte.


Blicken wir in die Gegenwart! Im Fahrerlager hörte man in den letzten Tagen beim Training lautes Gelächter aus der Césario Box. Die Stimmung scheint heiter oder? Wir haben derzeit viel Spaß und fokussieren uns auf das was wir beeinflussen können. Mit Jannis haben wir einen Fahrer von unglaublicher Qualität. An ihm, seinen Inputs und seiner Art zu fahren können wir das Niveau hochziehen. Auch der Austausch mit Beta Guilia ist toll. Wir erwarten dass sie uns dieses Jahr öfter auf der Strecke begegnen werden als uns lieb ist...

Zumindest stehen sowohl ihre Cesario Piloten als auch die Fahrer von Beta Guilia bisher mit ganz oben im Zeitentableau. Wie ernst kann man denn perse Rundenzeiten und gerade den anstehenden Test überhaupt nehmen?


Der anstehende Test wird keine großen Erkenntnisse bringen. Es geht darum das Auto kennenzulernen und Dinge auszuprobieren. Ich wäre sehr irritiert, wenn die jetzigen Zeiten der Konkurrenz schon deren ware Pace darstellen würde. Nach dem Test werden wir zumindest ein wenig mehr wissen, aber richtig schlau wird man erst nach 2-3 Rennen sein.


So wie wohl bereits in den letzten Saisons. Im Kampf um die Titel scheidet mit VM 2022 wohl ein großer Kontrahent aus. Wen haben sie am meisten auf der Rechnung?

Das lässt sich momentan nur schwerlich einschätzen. Der Fahrer, die Effektivität des Trainings und das Setup werden dieses Jahr einen viel größeren Einfluss haben als das Auto an sich. Dementsprechend muss man Pascal Pohlenz auf der Rechnung haben, aber auch einige weitere Fahrer. Mal sehen inwiefern auch neue Fahrer oder ein Marc Schlüter dieses Jahr eine Rolle spielen.


Wir sind auf jeden Fall gespannt! Zum Abschluss noch eine persönlichere Frage. Sie haben 2020 Cesario in einer Krisensituation übernommen. Nun gehen sie schon in ihre dritte gemeinsame Saison. Was hat man aus der bisherigen Zeit als Teamchef besonders für einen persönlich mitgenommen bzw. gelernt?


Ich habe gelernt, dass es verschiedene Weisen gibt ein Team zu führen und habe nun meinen Stil gefunden. Es ist wichtig die richtigen Leute im Umfeld zu haben und sicherzustellen, dass man die selbe Sprache spricht, im übertragenen Sinne. Vorallem ist aber wichtig, dass man medial nicht über jedes Stöckchen springt und sich wirklich nur auf das konzentriert was einen voran bringt. Ich bin froh, dass ich das Team damals übernommen habe, trotz mancher Rückschläge.


Dann bedanke ich mich für die Einblicke und wünsche weiter viel Erfolg für die Vorbereitung auf die neue Saison!


Ich danke Ihnen.


Interviewer: Julian Kopp